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Dauerbrenner

Arbeitslosigkeit brandet in Deutschlands Goldstadt auf:

Bild: "Bad Vibration"...

"Bad Vibration"...

Pforzheim, Deutschland - Der familienbetriebene Opel-Händler hat zu gemacht, nach 80 Jahren. Nach dem das örtliche SinnLeffers Kaufhaus zu gemacht hat, stellt jetzt der Supermarkt im Untergeschoss Bier und Pasta in den Schaufenstern aus, in denen vorher Schaufensterpuppen standen. Die Arbeitslosenquote steigt rasant, nachdem Arbeitsstellen in der Industrie verschwinden.
Bis vor kurzem war das eine mehr oder weniger typische Szenerie in Ost-Deutschland. Aber dies passiert nun im Westen, noch dazu in seinen reichsten Regionen, im Land Baden-Württemberg. Die Art und Weise der Weltwirtschaftskrise bringt es mit sich, dass die schwachen Regionen im Osten von der steigenden Arbeitslosigkeit weitgehend verschont bleiben, während sie ins Herz des Landes, den florierenden Industrieregionen des Westen und Südens, mitten hinein sticht.
Nirgends ist das zutreffender als in Pforzheim. Es ist bekannt als die Goldstadt durch seine Geschichte
als Haupstadt des Schumcks in Deutschland. Nun hat es die am schnellsten wachsende Arbeitslosenquote aller Ortschafen in ganz Deutschland. Arbeitslosigkeit ist immer noch weit schlimmer im Osten, wo sie in manchen Regionen um 20 Prozent beträgt. Aber die Zahl der Arbeitslosen stieg im Westen im März 2009 um 31.000, gegenüber nur 3.000 im Gebiet des ehemaligen Osten. Im letzten Jahr hatte Pforzheim die höchste Steigerungsrate der Arbeitslosenquote. Um 2,7%, von 7,1% auf 9,8%. Von einer unterdurchschnittlichen Rate auf eine über dem nationalen Durchschnitt (8,6%) liegende Zahl.
Gemäß den Wirtschaftswissenschaftlern hier, waren die deutschen Konsumenten eine der Säulen der globalen Wirtschaft, da sie die Auswirkung der Rezession nicht so direkt gespürt haben als die Amerikaner. Es gab keine Immobilienblase und nur sehr wenige finanzieren ihre Rente mit Dividenden oder haben Kreditkarten-Schulden. Außerdem ist der Arbeitsplatz-Schutz viel stärker. Da jedoch der zurückgehende Export zu immer mehr Entlassungen führt, wird erwartet, dass die Wucht der Krise in ganz Deutschland - Europas größter Wirtschaftsnation - Schmerzen verursacht, wie es bereits in Pforzheim der Fall ist.
Diese Stadt, gelegen am Nordrand des Schwarzwaldes, führt ihr Erbe als Schmuckzentrum auf das Jahr 1767 zurück, als der Oberherr eine Firma für Uhren und Schmuck am örtlichen Waisenhaus gründete. In den letzten Jahrzehnten, als die Produktion von Ringen, Ketten und Broschen in billige Arbeitsmärkte nach Asien migriert wurde, veränderten sich die hochqualifizierten Metall-Arbeiter und machten fortan Präzisionsteile für die Automobilindustrie.
Aber die Kombination aus Luxusgütern und Automobilteilen war eine schlechte in Zeiten des Wirtschaftsabschwungs. Die 120.000-Einwohner zählende Stadt war den Ausgaben der Konsumenten, vor allem den in den USA, völlig ausgeliefert. Pforzheims Erfahrungen stellen nur einen kleinen Teil der Verluste dar, die durch den Einsturz des Exportmarktes im ganzen Land betroffen sind.
Ortsansässige sagen, dass die Verschlechterung der Wirtschaft ein ständiges Diskussionsthema ist. "Ich stehe immer noch jeden Tag um 5 Uhr auf," sagt Helmut Frey, 57, ein Goldschmied, der seine Arbeitsstelle im Dezember verlor. Herr Frey, der das Handwerk 1965 begann, sagt, er hat circa 18 Bewerbungen abgeschickt, ohne zu einem einzigen Vorstellungsgespräch eingeladen worden zu sein. "Für mich ist es schlicht und einfach aus," sagt er und winkt Fragen über seine Zukunft ab.
Das Land hat ein starkes soziales Sicherheitsnetz. Herr Frey sagt, er bekommt 60% seines Gehalts 18 Monate lang, aber er sagt er weiß nicht wie er seinen Lebensunterhalt finanzieren soll, wenn er nach 18 Monaten keine Arbeit gefunden hat und dann die viel bescheidenere Unterstützung bekommt. Wirtschaftsexperten sagen, dass das Schlimmste den Arbeitern noch bevor steht. Unternehmen haben von der Regierung unterstützte Kurzarbeit-Stunden beansprucht, um mehr Entlassungen zu vermeiden, aber es kostet sie weiterhin noch Geld und ist nur eine Übergangslösung.
Im Februar fiel der Export um 23% im Vergleich zum Vorjahr. Die Industrieproduktion sank um 20,6% für diesen Monat, verglichen mit dem Jahr zuvor. "Wir müssten Zeichen der Verbesserung im Sommer oder Frühherbst sehen, andernfalls wird es für die Unternehmen zu teuer weiterhin Kurzarbeit zu machen," sagt Gernot Nerb, Wissenschafts-Vorstand des Ifo-Instituts in München.
Letzte Woche demonstrierten rund 14.000 Thyssen-Krupp Mitarbetier in Duisburg gegen Pläne des Unternehmens, tausende Arbeitsstellen zu kürzen. Der deutsche Automobilhersteller Daimler, der 70.000 Arbeiter auf Kurzarbeit umstellte, sagte kürzlich, dass er Stellenkürzungen nicht mehr ausschließen kann.
Das würde noch mehr schlechte Nachrichten für Pforzheim bedeuten, da viele zu nahegelegenen Daimler-Firmen pendeln. Die örtliche Stelle des deutschen Arbeitsamtes sagt, dass in Pforzheim und der umliegenden Region ungefähr 10.000 arbeitslos wären, aber dieselbe Zahl arbeitet auch inzwischen kurz.
"Was wir nicht erlauben dürfen, ist, dass die Stimmung so tief sinkt, dass die Menschen das Vertrauen in sich selbst verlieren," sagt Christel Augenstein, OB von Pforzheim, in einem Gespräch, während sie über die Stadt blickt, welche fast vollständig wieder aufgebaut werden musste, nach Bombenangriffen im zweiten Weltkrieg. Sie erinnert sich, dass ihr Besuch auf der jährlichen Schmuck- und Uhrenmesse in Basel im März ganz anders war, als ihre vorherigen Besuche als OB der Goldstadt. "Die Amerikaner waren nicht da. Die Russen waren nicht da. Und dies sind unsere größten Märkte. Die Asiaten waren da, aber sie waren sehr zurückhaltend."
Was auch viele ältere Menschen erstaunt, die Rezessionen und Umstrukturierungen in der Vergangenheit erlebt haben, ist die Geschwindigkeit, mit der Geschäfte stagnierten. "In Firmen, die letzten Sommer 7 Tage die Woche durchliefen, brachen einfach Aufträge ab und jetzt arbeiten sie nur noch 2 oder 3 Tage die Woche," sagt Martin Kunzmann, ein örtlicher IG-Metall Repräsentant.
Ralf Scheithauser, 48, hat seine Arbeit in einer Elektronik-Firma verloren, in der er 15 Jahre gearbeitet hat, aber er hatte Glück, dass er eine Praktikumsstelle gefunden hat, die zu einer Vollzeitstelle führen könnte. "Die Menschen wollen nicht darüber reden. Man entdeckt, dass man selbst denkt: 'Was macht der bloß tagsüber im Garten'?" sagt Scheithauser. "Es gibt diese Stimmung, dass wenn jemand keine Arbeit hat, ist er irgendwie selbst schuld daran."
Beim Opel-Händler an der Karlsruher Straße stehen die letzten Autos in einer Ecke, die zur Straße zeigt und verhindern so die Sicht auf die große Parkfläche dahinter, die genauso leer ist wie die verlassen wirkenden Ausstellungsräume. Der Geschäftsführer des bankrotten Unternehmens war den Nachmittag draußen und hat die letzten Autos nochmals geschrubbt und gewaschen.
"Natürlich ist es ein bitteres Gefühl, wenn man sein ganzes Leben - alles was man hat - in ein Geschäft steckt und dann gezwungen ist, es zu schließen," sagt Bernd Hauser-Schmieg, 59. "Es ist schon bitter," wiederholt er bevor er wieder mit dem Schrubben weitermacht.

02.05.2009

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