Rubrikübersicht | Impressum | 06. Oktober 2022


Demokratie und Aktion

Wir haben es satt: Demo in Tübingen für eine andere Agrarpolitik...

Bild: Agitation gegen die verfehlte Agrarpolitik vom Traktor aus gehalten..

Agitation gegen die verfehlte Agrarpolitik vom Traktor aus gehalten..

Wir haben es satt! ist eine Bewegung von Landwirten, Umwelt-, Natur- und Tierschutzverbänden gegen die Agrarindustrie, gegen Massentierhaltung und für eine Agrarwende. Die größte Demonstration findet seit 2011 jährlich im Januar anlässlich der Grünen Woche in Berlin statt. Eine regionale Demo dazu fand am Samstag, den 18. Januar 2020 in Tübingen statt, wo sich hunderte von TeilnehmerInnen am Marktplatz vor einem Traktor einfanden, von dem aus verschiedene Reden zu diesem aktuell wichtigen Thema gehalten wurden. Eine durchaus gelungene Rede dazu in folgendem vollen Wortlaut von Wolfram Frommlet, Dozent aus Ravensburg:

Liebe Freunde:

Ich spreche für eine Initiative aus Ravensburg, die ein agrarisches Gigaprojekt vor unserer Haustür bekämpft, den 1000-Kühe-Stall in Ostrach-Hahnennest im Landkreis Sigmaringen; skandalös - dass es durchgewunken wurde vom Gemeinderat und dem Landkreis. Der BUND führt eine Klage gegen das Projekt, das symptomatisch ist für agroindustrielle Verantwortungslosigkeit und gleichzeitig für dieWachstumshysterie und das Vernichtungspotential anderer Bereiche unseres neo-liberalen Kapitalismus, die man unter dem gemeinsamen ideologischen Dach verstehen muss: Die monströser werdende Agrartechnologie, Traktoren mit 500 PS, die jedes Bodenleben platt machen; die verbrecherischen Chemie- und Saatgutkonzerne, die Tausende indischer Bauern in den Suizide getrieben haben; die Rüstungsindustrie, die ganze Länder der Dritten Welt unbewohnbar macht für ihren Rohstoffbedarf, die Hirnlosigkeit, derer es bedarf, allein im Jahr 2019 1,13 Millionen SUVS zu verkaufen, Trauben aus Indien, Bio-Äpfel aus New-Zealand einzufliegen, und gleichzeitig 678.000 Obdachlose zu produzieren.
Zu diesem Gesellschaftssystem, das mit dem Marshallplan der Amerikaner 1945 begann, einer der brillantesten ÖkologenErnst Friedrich Schumacher, der vor den Nazis nach England floh, dessen Klassiker „small is beautiful - economy as people mattered" - schon 1973 beschrieb, was Gigantomanie anrichtet:„Jeder intelligente Idiot kann Dinge größer machen, komplizierter und gewalttätiger. Es braucht aber eine Menge Begabung und Mut, in die gegenteilige Richtung sich zu bewegen.Die alles durchdringende Krankheit der modernen Welt ist das Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land, in Macht, Kultur, Hoffnungen. Die Stadt wurde zum universellen Magneten, während das Land sein unverkennbares Flair verloren hat. ....Diese Ungleichheit bedroht heute die ganze Welt. Das Gleichgewicht wiederherzustellen, ist vielleicht die größte Herausforderung des modernen Menschen.Und die Agrarwissenschaftlerin und Stimme für die rechtlosen Millionen Kleinbauern Indiens, Vandana Shiva:
Entwicklung ist zum neuen Heiligtum geworden, für dessen Bedürfnisse Menschen, Flüsse, Regenwälder geopfert werden, oder jene Anbaumethoden, die unsere Bauern Tausend Jahre lang ernährt haben. Was Entwicklung aufhält, muss weg. Für unsere konsumkranken Gesellschaften, denn die Ausbeutung der Kontinente des Südens wurde demokratisiert. 400 Jahre genossen Adel und Bourgeoisie im christlichen Europa, was die „Primitiven" für sie in die Häfen schleppten, heute ist es der neo-koloniale Spaß der Mehrheits-bevölkerungen, sich billig an ihnen zu bedienen. 1000-Kühe-Projekte sind Teil des Fortschritts. 1.1000 Kühe benötigen fast 60 Millionen Liter Wasser im Jahr. Niemand will beantworten, woher diese Mengen kommen, zu welchem Massenpreis sie verkauft werden. Ostrach liegt im Wasserschutzgebiet unmittelbar am hochsensiblen Ried bei Wilhelmsdorf.Die Leistungszeit bei diesen Hochleistungskühen liegt bei maximal sieben Jahren - in der Regel bei fünf. Für dieses Stress-Fleisch gibt es außer für Hundefutter keinen Bedarf
41.000 Hochleistungskühe produzieren Tausend Kälber pro Jahr. Die männlichen werden sofort "entsorgt", die weiblichen den Mutterkühen entzogen. Für diesen Stress werden sie mit Phsychopharmaka vollgepumpt. Auch wegen der äußerst schmerzhaften Enthornung. Ein Großteil der Kühe bekommt antibiotikahaltige Substanzen verabreicht, das dient dem sogenannten Trockenstellen. Voraussehbar ist, dass multiresistente Keime entstehen werden, die in die Gülle für das sog. Biogas wandern. 4.1.0000 Kühe produzieren ca 9 Millionen Liter Milch pro Jahr. Für diese Milch gibt es keinen Bedarf bei uns. Also müssen künstliche Märkte geschaffen werden. In Afrika, Asien, Osteuropa.In Ravensburg gibt es die ehemalige Genossenschaft OMIRA nicht mehr, sie gehört seit kurzem zum global zweitgrößten Milchkonzern, der französischen Lactalis. Sie wird diese Milch zu Dumping-Preisen abnehmen - und damit die regionalen Bio-Bauern ruinieren. 5.In 2018 kaufte die EU 400.000 Tonnen Überschüsse als Milchpulver. Millionen für Lagerung und Steuersubventionen für den Export.
In der BRD lagerten 2018 ca 60.000 Tonnen subventioniertes Milchpulver. Dazu ein gigantischer Butterberg. Milch und Butter einer solchen Gigaproduktion brauchen Exporte, die töten: Überschussbutter wird nach Indien exportiert. Und in ghee-butter verwandelt. Zig Millionen Frauen mit ein, zwei Büffeln gehen zugrunde. Die indische Regierung - deren korrupten Politikern Millionen Kleinbauern egal sind - verhandelt mit der EU, auch mit den industriellen Milchproduzenten Neu Seeland und Australien ein Freihandelsabkommen. Das nennt sich Regional Comprehensive Partnership. Purer Zynismus. Mit den Bauern der Dritten Welt gibt es keine Partnerschaft. Dieeuropäischen Milchkonzerne sind in den Startlöchern - ein Milliardendeal. KONSEQUENZEN:Millionen Kleinbauern in den Kontinenten des Südens verrecken, wie die Arbeiterklasse mit den neo-kolonialen Handelsabkommen TISA und TTIP - sie ziehen in die Slums der mega-cities, das Land stirbt - die Jungen sehen keine Chance,
fliehen - sowas nennt man Wirtschaftsflüchtlinge! Fluchtursachen? Hunger? Warum?Ein Teilaspekt nur unserer tödlichen Agrarindustrie. Dazu Tomatenmark aus Italien, neuerdings China, Hähnchenabfall aus unseren Tierfabriken. Deren Fisch aber aus dem Lake Victoria kaufen wir beim günstig Discounter. Dafür gibt's für die Fischer in Tansania deutsches Magermilchpulver als Ausgleich. Alles gesehen in den 25 Jahren, die ich für internationale Organisationen im Süden arbeitete, auf den Märkten, plus unsere abgetragenen Klamotten, Brillen und Schuhe, oder abgelaufene Medikamente. Die verzweifelten Tomatenbauern, die Hähnchenzüchter, die Frauen mit den Kleinmühlen aus Microkrediten für einheimisches Maniok, Cassava, Hirse, Tapioka. Kann alles weg, wie Vandana Shiva sagt. Denn 25% unseres Weizens geht, subventioniert, nach Afrika, damit die koloniale Kultur überlebt: französisches Baguette, britischer Toast. Das ist kein Neo-Kolonialismus. Das ist Hilfe. Weil die Afrikaner sich zu schnell vermehren, die Inder zu blöd sind für Butter und einheimischen Reis. Den gibt es gen-manipuliert von Monsanto oder Syngenta & Co.
Die globalen, milliarden-starken Agrarkonzerne, denen Saatgut gehören, Discounter und Schiffe und die korrupten einheimischen Compradoren, die die Plünderung ihrer Länder mit unseren Waffen sichern und Bauernführer erschießen lassen, bezahlen die modernen Kriegsherren. Es geht in Ostrach bei 1000 Kühen wie bei allem, was Multinationale mit Lobbyisten realisieren, primär um eins: um Scheisse. Für angeblich nachhaltiges Biogas, das ein ökologischer Irrsinn, eine Lüge ist. Ich komme aus einer anderen Generation, ich bin ein typischer 68er. Ich demonstrierte gegen die Kriegsverbrechen der Amerikaner in Vietnam, Laos und Kambodscha. Deshalb ein Vorschlag aus unseren politischen Kämpfen. Schaffen wir Tribunale über die ganze Welt. Wie einst das Vietnam-Tribunal mit Bertrand Russell und Jean-Paul Sartre, James Baldwin, oder Simone de Beauvoir. Diese Agrarwirtschaft bedeutet Kriege weltweit gegen Mensch, Tier, Natur. Und deshalb sind sie die modernen Kriegsverbrechen. Bringen wir die Namen der Akteure an die Öffentlichkeit.

19.01.2020

· Uns reichts: 1. Montagsdemo in Pforzheim
· Antikriegstag des DGB Pforzheim 2022 im Zeichen des Ukrainekriegs
· Klimastreik am 22.09. 2022
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