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Aktuelle Nachrichten

Ausführungen von Gert Hager, Oberbürgermeister der Stadt Pforzheim bei der Gedenkfeier am 23.2. 2013

Liebe Bürgerinnen
und Bürger,

wir gedenken an
dieser Stelle der mehr als 17.000 Toten, die einem einzigen
Luftangriff heute vor 68 Jahren zum Opfer gefallen sind.


Fast 18.000
Luftkriegstote in Pforzheim,
 

  • fast vier
    Millionen im Zweiten Weltkrieg gefallene deutsche Soldaten,


  • über
    eineinhalb Millionen zivile Opfer in Deutschland,


  • sechs Millionen
    Mordopfer in Konzentrations- und Vernichtungslagern,


  • 25 Millionen
    Tote in der Sowjetunion,


  • 6 Millionen
    getötete Polen, das war mit 17 Prozent anteilsmäßig der größte
    Blutzoll eines Landes im Krieg,


  • Weltweit mehr
    als 60 Millionen Tote als Folge des Zweiten Weltkriegs!


    Hinter diesen
    unvorstellbaren Zahlen stecken ebenso viele Schicksale, die wiederum
    das Leben unzähliger Familien, Freunde, Nachbarn, Kollegen und
    sonstiger Bekannter der Toten nachhaltig beeinträchtigten.

Auf allen
Kontinenten waren Familien betroffen: von Pforzheim bis Pearl Harbor,
von Stalingrad bis Sidney, von Tokio bis Tunis, von Canberra bis
Coventry.

Hinter jedem
einzelnen Tod, sei er durch Kriegsschlachten, durch Bombenangriffe
oder durch hinterhältigsten und fabrikmäßig betriebenen Völkermord
verursacht, steht ein persönliches Schicksal.

Hinter den fast
18.000 Toten des 23. Februar in Pforzheim stecken so traurige
Geschichten wie die eines seinerzeit dreijährigen Mädchens:

Mit einer Bekannten
der Eltern war das Kind am Nachmittag des 23. Februar auf dem

Nachhauseweg, als
der Luftangriff begann. Die Bekannte behielt die Kleine bei sich im
Keller eines Hauses, das später durch Bomben zerstört werden
sollte. Als eine von wenigen Überlebenden wurde das Mädchen von
einem Mann aus den Trümmern gerettet. Als dieser wieder in die
Trümmer stieg, um nach weiteren Überlebenden zu suchen, kam er
nicht mehr zurück. Das Mädchen aber hatte bis auf das eigene Leben
in der Zwischenzeit alles verloren: die Eltern waren im eigenen Haus
ums Leben gekommen.

Eine andere
Pforzheimer Geschichte ist trotz allem Leid schließlich doch
Ausdruck der Versöhnung und der Hoffnung. Es ist die Geschichte
einer zehnköpfigen britischen Fliegermannschaft, deren Maschine am
14. März 1945 über Crailsheim angeschossen worden war.

Die
Fliegermannschaft versuchte, mit ihrem schwer beschädigten Flugzeug
von den Alliierten kontrolliertes Gebiet zu erreichen. Bei Bühl aber
gab der Pilot den Befehl zum Absprung. Die Soldaten kamen in deutsche
Gefangenschaft, sieben davon wurden nach Pforzheim verlegt. Dort
wurden sie durch die erst einen Monat zuvor zerstörte Stadt
getrieben, misshandelt und mit Steinen beworfen. Fünf der eigentlich
unter dem Schutz der Genfer Konvention stehenden Kriegsgefangenen
wurden schließlich in Huchenfeld erschossen, ein weiterer brutal
erschlagen. Zwei konnten entkommen. Der Pilot der Maschine, John
Wynne, konnte sich trotz der Zerstörung des Flugzeugs bis England
retten.

John Wynne lebte
nach dem Krieg als Schafzüchter in seiner Heimat in Wales. Er
engagierte sich stets für die Versöhnung der einstigen Kriegsgegner
und für die deutsch-britische Freundschaft.

Seit Jahrzehnten
lässt er am 23. Februar seine Arbeit ruhen. Mehrmals besuchte er
Pforzheim, den Ort, an dem seine Kameraden völkerrechtswidrig
gelyncht wurden. 1994 schenkte er dem evangelischen Kindergarten in
Huchenfeld ein Schaukelpferd. Seit nunmehr zwanzig Jahren, auch heute
wieder, lässt John Wynne einen Kranz mit gelben Narzissen an der
hiesigen Gedenkstätte niederlegen.

Es ist auch ein
gutes Zeichen, dass Schüler aus unserer Partnerstadt Gernika, die
schon 1937 Opfer eines deutschen
Luftangriffs wurde, heute mit uns bei der Gedenkfeier auf dem
Hauptfriedhof sind.

Ich freue mich auch
sehr über den hochrangigen Besuch der Herren Bürgermeister Guy
Vaxelaire und Jean-Claude Dousteyssier aus den französischen
Vogesen-Gemeinden La Bresse und Ventron. Von hier wurden im November
1944 nahezu alle männlichen Bewohner der

Gemeinden La Bresse,
Cornimont und Ventron nach Süddeutschland deportiert und - unter
anderem - auch in Pforzheim als Zwangsarbeiter eingesetzt, wo viele
beim Bombenangriff starben.

Liebe
Pforzheimerinnen und Pforzheimer,

die meisten von
Ihnen oder Ihre Eltern und Großeltern haben selbst Angehörige,
Freundinnen und Freunde verloren. Ein jeder von Ihnen könnte weitere
Geschichten des Verlusts und der Trauer erzählen.

Alle diese Tode
erhellen die fatale Logik des Krieges, in der das Leben von Menschen
zum Kalkulationsobjekt wird. Diese Logik gilt für alle Kriege bis
heute, ganz gleich, ob sie mit Selbstmordattentaten, mit Gewehren,
mit Bomben oder mit Drohnen geführt werden.

In Deutschland, auch
in Pforzheim hatte die Geringschätzung, ja die Verachtung von
Menschenleben bereits vor dem Zweiten Weltkrieg begonnen. Mit der
Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden Menschen auf
Grund ihrer politischen Überzeugungen, ihrer Krankheiten oder
Behinderungen, ihrer sexuellen Neigungen, ihres Glaubens oder ihrer
vermeintlichen Rassenzugehörigkeit diskriminiert, ihrer Rechte
beraubt und schließlich ermordet. Dieses kranke und
menschenverachtende Denken führte direkt in den 2. Weltkrieg - die
Aggression ging von Deutschland aus und fiel gegen Ende des Krieges
auf grausame Weise auf unsere Stadt zurück.

Weil wir der vielen
Kriegsopfer gedenken und uns gegen die Menschen verachtende Logik des
Kriegs stemmen, stehen wir hier am Gräberfeld des 23. Februar 1945.

Weil wir uns
gleichzeitig deutlich gegen die Diskriminierung von Menschen generell
positionieren und uns eine friedliche, tolerante, vielfältige und
bunte Stadt Pforzheim wünschen, stellen wir uns bei der heutigen
Kundgebung auf dem Marktplatz hoffentlich zahlreich denen entgegen,
die unbelehrbar den Pforzheimer Gedenktag für ihre Irrlehren
missbrauchen.

Hier wie dort
bekennen wir uns zu einem friedlichen Miteinander in Pforzheim. Das
sind wir den 18.000 Opfern des 23. Februar 1945 und den Abermillionen
Kriegsopfern weltweit schuldig!


 



25.02.2013

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